DAS GEDICHT LESEN · LEITFADEN AUF DEUTSCH
Wie man Martín Fierro im Original liest
Wer ein wenig Spanisch gelernt hat, versteht schon einen guten Teil des Gedichts. Dieser Leitfaden zeigt, was sich in der Schreibweise von Hernández ändert, welche Wörter in die Irre führen und wie man zu jedem der 46 Gesänge gelangt.
SO BEGINNT DAS GEDICHT
»Aquí me pongo a cantar«
Die ersten drei Strophen von Gesang I. Der Sänger bittet die Heiligen um Hilfe, bevor er seine Geschichte erzählt, so wie die payadores ihren Vortrag eröffneten.
Strophe 1Aquí me pongo a cantarAl compás de la vigüela,Que el hombre que lo desvelaUna pena estraordinariaComo la ave solitariaCon el cantar se consuela.Hier fange ich an zu singen, zum Takt der Gitarre, denn wen ein ungewöhnlicher Kummer nicht schlafen lässt, der tröstet sich mit Singen wie der einsame Vogel.
- vigüela
- Gitarre (von vihuela, dem Vorläufer der Gitarre)
- desvela
- lässt nicht schlafen
- estraordinaria
- außergewöhnlich (extraordinaria)
Strophe 2Pido a los Santos del CieloQue ayuden mi pensamiento;Les pido en este momentoQue voy a cantar mi historiaMe refresquen la memoriaY aclaren mi entendimiento.Ich bitte die Heiligen im Himmel, meinen Gedanken beizustehen; ich bitte sie in diesem Augenblick, da ich meine Geschichte singen will, mein Gedächtnis aufzufrischen und meinen Verstand zu erhellen.
Strophe 3Vengan Santos milagrosos,Vengan todos en mi ayuda,Que la lengua se me añudaY se me turba la vista;Pido a Dios que me asistaEn una ocasión tan ruda.Kommt, wundertätige Heilige, kommt alle mir zu Hilfe, denn die Zunge verknotet sich mir und der Blick trübt sich mir; ich bitte Gott, mir in einer so harten Prüfung beizustehen.
- se me añuda
- verknotet sich mir (se me anuda)
- ruda
- hart, schwer
Das Spanisch vom Land: sechs Anhaltspunkte
Hernández schreibt, wie der Gaucho der Provinz Buenos Aires spricht. Die Schreibweise wirkt fremd, folgt aber einfachen Regeln. Lesen Sie laut: Fast immer verrät der Klang das Wort.
| Im Gedicht | Standardspanisch | Auf Deutsch |
|---|---|---|
| güeno, güen, gúenas | bueno, buenas | gut, gute. Das ländliche »bu« wird wie »gü« gesprochen. |
| juí, juego, ajuera | fui, fuego, afuera | ich war/ging, Feuer, draußen. Das »f« wird zu einem gehauchten »j«. |
| naides, ansí, ansina | nadie, así | niemand, so. |
| dende, pa, ande | desde, para, donde | seit, für, wo. |
| sentao, desgraciao | sentado, desgraciado | sitzend, unglücklich. Das »d« zwischen Vokalen fällt weg, wie in der gesprochenen Sprache. |
| estraño, esperencia | extraño, experiencia | seltsam, Erfahrung. Das gelehrte »x« wird zu einem einfachen »s«. |
Falsche Freunde
Manche Wörter erinnern an deutsche Wörter oder an das Spanisch aus dem Unterricht und bedeuten im Gedicht etwas ganz anderes.
- rato
- ein Weilchen, ein Moment (nichts mit »Rat« oder »Ratte«)
- pelear
- kämpfen, sich raufen
- china
- die Gefährtin, die Frau des Gaucho (nicht China)
- pago
- die Heimat, die Gegend, aus der man stammt (keine Zahlung)
- flete, pingo
- das gute Pferd, das Lieblingspferd (keine Fracht)
- facón
- das große Messer des Gaucho
- pulpería
- der ländliche Kramladen mit Ausschank, Ort der Begegnung und der Raufereien
- picardía
- Gaunerei, Schlitzohrigkeit (keine »Pikanterie«)
Mehr dazu im gauchesken Glossar.
Erster Teil · El gaucho Martín Fierro (1872)
Fierro besingt das glückliche Leben in seiner Hütte, die Zwangsrekrutierung an die Grenze, die Fahnenflucht, das Leben auf der Flucht und die Freundschaft mit Sergeant Cruz. Am Ende überqueren die beiden Männer die Grenze, um bei den Indigenen zu leben.
Zweiter Teil · La vuelta de Martín Fierro (1879)
Fierro kehrt zurück, findet seine Söhne wieder und trifft den Sohn von Cruz. Jeder erzählt seine Geschichte; es gibt den alten Vizcacha, die payada mit dem Moreno und in Gesang XXXII die Ratschläge an die Söhne.
Beginnen Sie mit Gesang XXXII: die Ratschläge an die Söhne, mit einer Studienübersetzung Strophe für Strophe.
Martín Fierro auf Deutsch
Es gibt mehrere deutsche Übersetzungen. Die erste stammt von Adolf Borstendörfer (1893–1957), einem Exilschriftsteller aus Prag, der in Buenos Aires lebte: Der Gaucho Martín Fierro, Buenos Aires, Editorial Cosmopolita, 1945. Später folgten die Nachdichtung von Alfredo Bauer (1924–2016), Stuttgart, Hans-Dieter Heinz Akademischer Verlag, 1995, mit Kommentar von Gerhard Giesa, und die zweisprachige Ausgabe von Pedro Pluhar, Köln, 2. verbesserte Auflage 1999.
Alle drei sind noch urheberrechtlich geschützt, deshalb geben wir sie nicht wieder. Borstendörfers Übersetzung wird am 1. Januar 2028 gemeinfrei, siebzig Jahre nach seinem Tod; dann können wir sie neben das Original stellen, wie es die italienische Ausgabe mit der Übersetzung von Folco Testena tut. Bis dahin: Wenn Sie eine dieser Ausgaben besitzen, lesen Sie sie neben dem Original, denn diese Ausgabe ist dafür gedacht.
Quellen: Artikel »Martín Fierro« der deutschsprachigen Wikipedia (Übersetzungen); Konstantin Kaiser, »Zwischen Heimweh und neuer Erkenntnis«, literaturepochen.at (Lebensdaten Borstendörfers).
Wie man eine Stelle zitiert
Geben Sie Autor, Originaltitel des Teils, Jahr, Gesang und Strophe an, zum Beispiel: Hernández, La vuelta de Martín Fierro (1879), Gesang XXXII, Strophe 1160. Jede Strophe im Lesebereich hat eine eigene Adresse, die man kopieren kann. Die Studienübersetzungen dieser Ausgabe lassen sich als »Studienübersetzung, MARTINFIERRO.ORG« zitieren.