KULTURMAGAZIN · DIE WELT DES GAUCHO

Mate, das Getränk der Pampa

Von Buenos Aires bis Südbrasilien geht dasselbe Gefäß von Hand zu Hand. Die Geschichte des Mate beginnt bei den Guaraní, führt durch die Jesuitenmissionen und reicht bis in die Verse von Martín Fierro, wo der bittere Mate noch cimarrón heißt.

Redaktionelle Illustration eines Mate mit bombilla, wie am Río de la Plata
Zeitgenössische redaktionelle Illustration, keine Fotografie aus der Zeit.

Ein Getränk, mehrere Länder

In Buenos Aires und Montevideo sagt man mate; in Südbrasilien chimarrão; in Paraguay, wenn das Wasser kalt ist, tereré. Die Namen ändern sich, die Geste bleibt: die Yerba im Gefäß, das heiße Wasser, das Metallröhrchen, das von Hand zu Hand geht.

Im deutschen Sprachraum kennt man Mate heute als Tee aus dem Bioladen oder als koffeinhaltige Limonade. In der Pampa des 19. Jahrhunderts aber war Mate nichts Exotisches: Er war das tägliche Getränk des Gaucho, das Getränk des Erwachens, des Lagerfeuers und der Gastfreundschaft.

Vor den Grenzen: das Kraut der Guaraní

Der Mate-Strauch (Ilex paraguariensis) ist ein Baum aus den Wäldern im Süden Südamerikas: Ostparaguay, Südbrasilien und die argentinische Provinz Misiones. Mit schwarzem oder grünem Tee ist er nicht verwandt; diese stammen von einer anderen Pflanze.

Lange bevor es Argentinien, Uruguay oder Paraguay gab, ernteten und genossen die Guaraní-Völker schon seine Blätter, die sie ka’a nannten (Kraut, Pflanze). Der Brauch ist also indigenen Ursprungs. Weder der Gaucho noch die Nationalstaaten haben ihn erfunden: Sie haben ihn geerbt.

Die Jesuitenmissionen

Im 17. und 18. Jahrhundert gründeten die Jesuiten mit den Guaraní Reduktionen in einem Gebiet, das heute zwischen Argentinien, Paraguay und Brasilien geteilt ist. Die Yerba wurde nun nicht mehr nur im Wald gesammelt, sondern in Pflanzungen angebaut, was sie zu einer Ware machte, die im ganzen Becken des Río de la Plata gehandelt wurde.

Die Ruinen dieser Missionen, etwa San Ignacio Miní in Argentinien oder São Miguel das Missões in Brasilien, gehören zum UNESCO-Welterbe. Unter den Jesuiten der Reduktionen waren auch Patres aus dem deutschen Sprachraum. Der Mate, den Martín Fierro trinkt, wurzelt in dieser Begegnung zwischen der Guaraní-Pflanze und dem kolonialen Leben.

Die Mate-Runde

Wer den Mate zubereitet, der cebador, gießt heißes, aber nicht kochendes Wasser auf die Yerba und trinkt oft selbst den ersten, bittersten Aufguss. Dann füllt er das Gefäß nach und reicht es der Reihe nach jedem; man trinkt es aus, bevor man es zurückgibt. Die bombilla, das Metallröhrchen, rührt man nicht an, und »gracias« zu sagen heißt, dass man nichts mehr möchte.

Das sind Regeln der Höflichkeit, keine Gesetze, und sie wechseln von Haus zu Haus. Ihr Sinn ist klar: Mate wird geteilt. Deshalb ist er im Gedicht wie im Leben ein Zeichen der Gesellschaft.

Warum »cimarrón«?

Auf Spanisch heißt cimarrón wild, herrenlos: So nannte man Rinder und Pferde, die frei auf dem Land lebten. Auf den Mate übertragen bekam das Wort die Bedeutung bitterer Mate ohne Zucker, »naturbelassen« getrunken. Am Río de la Plata ist »cimarrón« bis heute gleichbedeutend mit bitterem Mate.

Martín Fierro verwendet das Wort in beiden Bedeutungen: Es gibt den »perro cimarrón«, den herrenlosen Hund, und den cimarrón, den der Gaucho am Feuer trinkt. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Gedicht aus der Sprache des Landes schöpft.

Mate in den Versen von Martín Fierro

Das Gedicht von José Hernández widmet dem Mate keine eigene Szene, doch das Gefäß erscheint überall, wo der Alltag erscheint. Drei Stellen im Original:

El gaucho Martín Fierro, Gesang II · Strophe 25
Y sentao junto al jogóna esperar que venga el día,al cimarrón le prendíahasta ponerse rechoncho,mientras su china dormíatapadita con su poncho.

Es ist die Erinnerung an die glückliche Zeit vor der Rekrutierung: Der Gaucho steht vor Tagesanbruch auf, setzt sich ans Feuer und trinkt cimarrón, bis er ganz voll ist, während seine Gefährtin in ihren Poncho gewickelt schläft. Cimarrón ist der bittere Mate ohne Zucker.

La vuelta de Martín Fierro, Gesang XII · Strophe 703
El mate no se permite;no le permiten hablar;no le permiten cantarpara aliviar su dolor,y hasta el terrible rigorde no dejarlo fumar.

Fierros älterer Sohn erzählt vom Leben im Zuchthaus. Unter den Entbehrungen steht das Verbot des Mate an erster Stelle: Für den Mann vom Land heißt den Mate verlieren, jede Gesellschaft verlieren.

La vuelta de Martín Fierro, Gesang XXX · Strophe 1090
Yo no soy cantor ladinoy mi habilidá es muy poca;más cuando cantar me tocame defiendo en el combate,porque soy como los mates:sirvo si me abren la boca.

In der payada, dem gesungenen Wettstreit, vergleicht sich einer der Sänger mit dem Mate: Er tauge nur, wenn man ihm den Mund öffnet. Das Bild funktioniert nur, weil jeder Zuhörer die Handgriffe der Mate-Zubereitung kannte.

Weiterlesen: Die Ratschläge Martín Fierros an seine Söhne zeigen Gesang XXXII vollständig, mit einer deutschen Studienübersetzung.

Quellen und Methode

Dieser Artikel wurde für die deutsche Ausgabe auf der Grundlage des Kulturführers der spanischen Ausgabe und der Artikel der brasilianischen und der französischen Ausgabe geschrieben. Wir unterscheiden stets zwischen historischen Tatsachen, literarischen Darstellungen und modernen Illustrationen. Die Verse stammen aus dem Originaltext von Hernández, den die ganze Website verwendet.

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